Gegenstand und allgemeine Entwicklung des Faches Ägyptologie

Die Ägyptologie untersucht die Geschichte und Kultur Ägyptens von der Vorzeit, d.h. vom 4. Jt. v.Chr., bis zur Islamisierung des Landes im 7. Jh. n.Chr. Gegenstand von Forschung und Lehre sind die materielle Hinterlassenschaft sowie die verschiedenen Schrift- und Sprachstufen dieser Zeitspanne. Die Ägyptologie bildet damit einen integralen Bestandteil der Altertumswissenschaften. Ziel der Ägyptologie ist ein umfassendes wissenschaftliches Verständnis der kulturellen Gegebenheiten in ihren verschiedenen Facetten.

Während andere Gegenstände der Altertumskunde häufig in verschiedene Einzeldisziplinen und somit Fächer aufgeteilt sind (so z.B. die klassische Antike in die Fächer Griechische Philologie, Lateinische Philologie, Alte Geschichte und Klassische Archäologie), vereint die Ägypytologie in der Regel - und so auch in Basel - Geschichte, Religion, sämtliche Sprachstufen, Kunstgeschichte und Archäologie. (Mehr dazu, womit sich die Ägyptologie beschäftigt, in der Bibliographie.) Andernorts hat sich die Koptologie (koptische Sprache und koptisch-christliche Kultur) von der Ägyptologie abgespalten.

Eine Dichotomie in Philologie/Geschichte/Religion auf der einen und Denkmälerkunde/Archäologie/Kunstgeschichte auf der anderen Seite ist für das alte Ägypten undenkbar - schon deshalb, weil der Anteil der beschrifteten Denkmäler enorm hoch ist. Auf Seiten der Philologie hat in den letzten Jahrzehnten die Linguistik sehr an Bedeutung gewonnen und ist nicht mehr wegzudenken. Dasselbe gilt für die kulturwissenschaftlichen Zugänge zur altägyptischen Kultur und die Gender-Aspekte. Obwohl die Ägyptologie primär ein historisch-philologisches Fach ist, hat die Archäologie mindestens seit dem Beginn der 1990er Jahre an Bedeutung gewonnen und ist zu einem Teilbereich geworden, dessen verbreiterte Perspektive und verbesserte Methodik den kulturhistorischen Dialog massgeblich beeinflusst. Die materielle Seite der ägyptischen Kultur bietet auch Berührungspunkte mit naturwissenschaftlichen Methoden (z.B. Mineralogie, Archäozoologie und -botanik).

Seit der Entstehung der Ägyptologie im 19. Jh. und bis heute bestehen intersiziplinäre Verbindungen zur Orientalistik und zur Theologie. Die Philologie erkundete das Verwandtschaftsverhältnis zwischen der ägyptischen und den semitischen Sprachen, die Literaturhistoriker verglichen Einzeltexte und Textgattungen, die Historiker und Archäologen wollten die im Alten Testament geschilderten Tatsachen und Ereignisse in Ägypten dingfest machen (z.B. den Exodus oder die Ramses-Stadt). Der Dialog mit den Nachbardisziplinen, insbesondere der Alttestamentlichen Wissenschaft, der Semitistik und der Vorderorientalischen Archäologie, hält unvermindert an, hat sich modernisiert und ist schweizweit in der der SAGW (Schweizerische Akademie der Geisteswissenschaften) unterstehenden Gesellschaft für Orientalische Altertumskunde (SGOA) manifest. (Siehe auch Links.)

Das Basler Profil

Entsprechend der skizzierten allgemeinen Entwicklung des Faches Ägyptologie ist auch die Basler Ägyptologie seit ihrem Bestehen - der Lehrstuhl wurde 1957 begründet, erste Inhaberin war eine Frau (siehe Archiv) - auf das Verständnis der kulturellen Gegebenheiten primär durch Texte ausgerichtet. Die historisch-philologische Arbeit der Zeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurde mit dem Wechsel des Ordinarius von 2000 um die linguistische und die kulturwissenschaftliche Komponente erweitert. In den erwähnten Dialog zwischen Archäologie und Kulturgeschichte hat sich Basel seit 1997 dank Drittmitteln mit handfester Ausgrabungstätigkeit integrieren können. Die erzielten Resultate sind beachtlich, u.a. in sozialhistorischer Hinsicht.
Die in der letzten Zeit in Basel bearbeiteten Forschungsthemen situieren sich grosso modo in folgenden Bereichen: Religion (allgemein, Neues Reich und Spätzeit), Geschichte (allgemein, Mittleres Reich, Neues Reich), Schrift (kulturwissenschaftliche Relevanz), Sprache (allgemein, spezifisch linguistisch, Kulturkontakt), Literatur (funeräre Texte, Performativität, Rituale, Erzählungen), Archäologie (Tal der Könige). Entsprechend den beschriebenenen Gegenständen des Faches deckt die Lehre die notwendigen Grundlagengebiete ab: Sprache (klassisches Ägyptisch, je nach Wahl der Studienart zusätzlich Altägyptisch, Neuägyptisch, Demotisch und Koptisch mit hieratischer und demotischer Schrift) sowie Geschichte, Religion und Denkmälerkunde aller Epochen.
Die Basler Ägyptologie hat sich auf den Gebieten der Kulturwissenschaft und der Philologie/Linguistik profiliert, hat mit der Archäologie einen neuen Akzent gesetzt und hat anhand dieser Bereiche an Methodenbewusstsein gewonnen, ohne die traditionellen Felder zu vernachlässigen.